Sonntag, 26. Juni 2016

10 Dinge


JA, ich lebe noch und ich bin auch immer noch in Peru. Ich weiß es gab eien viel zu lange Pause und ich würde direkt Besserung geloben, aber in den letzten zwei Monaten, die mir noch bleiben habe ich wenig Hoffnung dieses Versprechen erfüllen zu können.
Wie man vielleicht aus meinem Monatsbericht Juni herauslesen konnte, gab es mal wieder ein kleines 3-Monatstief. Genau wie am Anfang meines Jahres hier, als nach den ersten 3 Monaten die Euphorie und das Adrenalin ein bisschen verflogen waren und ich mein erstes 3- Monats Anfangstief hatte. Genauso hat mich mein 3- Monats Endtief also Anfang Juni eingeholt.
Jetzt kann ich sagen, beide Tiefs gut überstanden zu haben und dem Ende dieses Jahres mit Freude und Schrecken entgegensehe.
Ich bin sehr froh diese Jahr gemacht zu haben, liebe meine Arbeit hier meistens und bin dankbar für all die neuen Leute, die ich kennengelernt habe. Trotzdem vermisse ich natürlich meine Familie, Freunde und Hobbys von zu Hause und kann es kaum erwarten endlich wieder zu kochen, Cello zu spielen und im Garten zu sein. Aber das ist natürlich die rosarote Brille der Nostalgie die ich aufhabe, denn ganz ehrlich zu Hause werde ich auch wieder viel zu wenig Cello üben, anstatt in den Garten zu gehen sinnlos Zeit im Internet verschwenden und zum kochen bin ich dann bestimmt nicht motiviert genug, ah und natürlich werde ich mich auch ab und zu mit Freunden und Familie streiten. Ich bin ein klassischer Fall von „Ich-will-haben-was-ich-grad-nicht-haben-kann“ der meistens zusammen mit einer anderen Krankheit auftritt. „Was-ich-habe-ist-jetzt-nicht-so-toll-wie-ich-es-mir-vorgestellt-habe“
Aber glücklicherweise gibt es für beide Krankheiten die selbe Heilung und das ist dankbar sein. Daher kommt jetzt hier die Liste der Dinge für die ich in Peru dankbar bin, die mir hier besonders gefallen und all die Kleinigkeiten, die ich schnell vermissen werde,w enn ich wieder in Deutschland bin.
(Die Reihenfolge spielt keine Rolle, aber mit irgendwas muss man ja aufhören und anfangen.

1. Die Menschen hier sind im Allgemeinen sehr hilfsbereit, als vermeidlicher Tourist wird man immer wieder von Busfahrern gefragt ob man richtig eingestiegen ist, es wird gefragt wo man hin will und dann aufgepasst, dass man da auch hinkommt. Jetzt nach 10 Monaten ist das manchmal ein bisschen nervig, wenn ich nach Patabamba laufe und eine Peruanerin extra anhält bis wir sie eingeholt haben, nur um uns zu sagen, dass die Ruinen in die andere Richtung sind. Trotzdem ist es wirklich lieb und zugegebenermaßen ist es halt wahrscheinlicher, dass die beiden Gringas die Ruinen ansehen wollen, als dass sie unterrichten.

2. In Peru wird sich noch gegrüßt, natürlich geht es zurück und wird weniger aber normalerweise hat man die Omas und Opas und alle Älteren zu grüßen und wird im Gegenzug mit einem fröhlichen „Buenos días señorita!“ belohnt. Man glaubt gar nicht wie sehr das Grußwort eines Fremden einen die Laune verbessern und den Tag verschönern kann.

3. In Peru wird nicht geraucht, es gibt keine einheimischen Raucher auch in der Stadt nicht oder so wenig, dass sie auf die Rote Liste der Bedrohten Arten müssten. Neulich habe ich seit langem mal wieder Zigarettenrauch gerochen, ein Tourist neben mir war der „Übeltäter“ und da ist mir aufgefallen wie lästig das doch ist. (Rauchen ist in Peru sehr verpönt und gesellschaftlich nicht akzeptiert.)

4. Peruaner beschweren sich nicht oder nur sehr selten, egal wie viel Arbeit sie noch haben und wie wenig Freizeit ihnen noch bleibt sie machen was gemacht werden muss und manchmal machen sie eben auch mal nicht was sie machen sollten, aber sie beschweren sich nicht. Es gibt kein ewiges nörgeln und meckern und „Ich-kann-dass-gar-nicht-schaffen1“, „Das-ist-zu-viel!“ die Leute machen einfach und wenn man nicht so viel Zeit mit Beschwerden vergeudet schafft man ja dann doch meistens alles.

5. Die medizinische Versorgung und Informationen über Krankheiten nehmen immer mehr zu und sind im Vergleich zur sonstigen sozialen und wirtschaftlichen Lage des Landes überdurchschnittlich gut. Der Staat kümmert sich hier deutlich. Neulich zum Beispiel kam eine Krankenschwester in die Schule und hat alle Kinder, die noch nicht geimpft waren (sie hatte diesbezüglich eine Liste) geimpft. Einfach, schnell, unkompliziert und trotzdem hygienisch sicher in einem Klassenraum.

6. Die Frucht, Gemüse, Getreide und überhaupt Nahrungsmittel Vielfalt ist unglaublich. Es gibt immer frisches Obst zu kaufen, Gemüse im Überfluss und Quinua und Chiasamen, die bei uns als Super-Food zum teil teuer verkauft werden, bekommt man hier für 30ct das Kilo. Peru ist für ejden Vegetarier und Veganer und jeden der sich gesund ernähren will ein Paradies. Auch wenn es in den Gastfamilien traditioneller zugeht mit viel Fett und Fleisch, kann man hier alles finden was das Herz begehrt. (PS: Cusco ist eine wahre Fundgrube an veganen und vegetarischen Restaurants, Snackbars oder Cafés)

7. Die Landschaft in Peru ist einfach unglaublich schön und vielfältig. Es gibt Schneebedeckte Berge, Sandwüste, Küsten mit Klippen, dichten Regenwald und steppen-ähnliches Hochland… es gibt einfach alles. Die Landschaft ist immer noch atemberaubend und es wird mir immer ein Rätsel bleiben wie sie sich innerhalb von 2 Busstunden so verändern kann. Ich finde es schade, dass ich nicht alle sehen und genießen konnte, aber dafür hat die Zeit in diesem Jahr nicht gerreicht, ist aber nicht schlimm, dann komm ich halt mal wieder.

8. Die Tänze und Trachten, die ebenso farbenvielfätig wie schön und manchmal auch witzig sind. Jede Region, ja jede Gemeinde hat hier hier ihre eigene traditionelle Tracht mit Hut oder ohne mit Spitzenrock oder Faltenrock mit Bluse oder bunt bestickter Weste. Dazu kommen die traditionellen Tänze, die immer ein wenig anders sind und manchmal auch ganz verschieden und schon hat man ein Gesmisch aus Tradition und eben auch Bewahrung der Tradition. Bei den Fesrumzügen z.Bsp zum 191. Geburtstag der Provinz kommt dann alles zusammen und wenn man sich ein bisschen auskennt kann man schon von weitem sehen wer aus Oropesa und wer aus Urcos kommt.

9. Das Leben hier auf dem Dorf findet auf der Straße statt. Auch nachts sitzen die Leute noch draußen zusammen und unterhalten sich. Das Leben ist noch nicht so anonym und hinter verschlossenen Türen wie in Deutschland, obwohl man merkt, dass das langsam anfängt. Jetzt ist es aber noch normal, dass alle Kinder der Straße gemeinsam draußen spielen und man auf dem Plaza eine Gruppe alter Männer sitzen sieht die sich unterhalten, vor der Tür des Ladens sitzen die Frauen und stricken, das Leben hier ist noch nicht so privatisiert.

10. Die Familien sind hier noch groß und es gibt Kinder rund Babys. Über die Schattenseiten der geringen sexuellen Aufklärung habe ich ja schon oft geschrieben, aber selbst wenn die Menschen aufgeklärter wären würden sie noch deutlich mehr Kinder haben als in Deutschland. Familie ist hier wirklich wichtig und Kinder sind mehr so ein Gemeinschaftsprojekt der ganzen Familie, da läuft man eben mal ins Nachbarhaus um mit den Cousins zu spielen oder die Tante trägt ihre Nichte den ganzen Tag mit sich herum, weil die Mutter grad nicht kann. Es gibt viele süße Kinder und Babys und das ist ja auch so wichtig für Peru, eigentlich für jedes Land, denn die Jugend ist die Zukunft eines Landes und muss diese auch gestalten. (PS: in Peru ist es auch normal sein Kind überall und für mindestens 2 Jahre zu stillen, im Bus, beim Einkaufen, im gehen auf der Straße egal wo, eben einfach unkompliziert.)

Am Anfang dachte ich es wäre schwieriger 10 Sachen zu finden, aber jetzt ging es doch ganz einfach und ich könnt noch fortfahren mit vielen vielen anderen Dingen, die ich vermissen werde wenn ich wieder zu Hause bin und die ich jetzt in den letzten Wochen noch besonders genießen werde.

Liebe Grüße aus Peru

Eure Sue

Sonntag, 8. Mai 2016

Mama sein in Peru


Mama sein ist bestimmt sehr anstrengend, super viel Arbeit und manchmal auch eine (ganz) schöne Belastung. Egal in welchem Land der Welt und in welcher Kultur Mamas haben richtig viel Verantwortung zu tragen und zu erfüllen.
Trotzdem gibt es je nach Kultur Unterschiede und die peruanischen Mamas haben es schon ziemlich schwer.
In Peru ist das klassische Rollenbild noch stark erhalten und die Gesellschaft ist doch deutlich vom Sexismus geprägt. Es ist normal, dass die Frau alles im Haushalt macht und das bedeutet in Peru: mindestens zweimal am Tag was warmes kochen, das Geschirr der ganzen Familie mit der Hand abwaschen, das Haus putzen (in dem alle mit Straßenschuhen rumlaufen und das dementsprechend immer dreckig ist) und natürlich die gesamte Wäsche mit der Hand waschen und das bei ungefähr 4 Kindern und einem Mann. Fairerweise muss man sagen, dass sie dabei nicht ganz alleine ist, die Töchter der Familie müssen ihr entsprechend helfen und beim Wäsche waschen hilft der Mann des Hauses immer häufiger mit.
Trotzdem ist es grundsätzlich so dass die Frau den absoluten Großteil der Aufgaben alleine erledigen muss, immer mit dem Baby auf dem Rücken, wenn sie denn eins hat.
Dieses Bild sieht man hier jeden Tag: Frauen bei der Arbeit mit ihrem 2 Wochen bis 3 Jahre altem Kind auf dem Rücken. Das ist nämlich das Paradoxe Frauen sollen nicht nur den Haushalt machen und die Kinder großziehen, sie müssen auch arbeiten. In Peru ist es normal, dass Frauen zum Beispiel auf dem Bau oder Feld arbeiten und schon 2 Wochen nach dem sie Entbunden haben wieder „zur Tat schreiten“. Vom Staat aus gibt es einen geringen Mutterschutz, wenn ich mich nicht irre, dann gilt dieser von einem Monat vor bis einem Monat nach der Entbindung. Allerdings arbeitet wirklich viele Frauen im informellen Sektor, sie verkaufen Essen oder andere Dinge auf den Straßen und da ist die Rechnung leider schmerzlich einfach.
Verkaufst du nicht, verkaufst du nichts und es gibt kein Geld. Viele können es sich gar nicht leisten auch nur zwei Tage nicht zu arbeiten und die die Angestellt sind erhalten einen so geringen bis gar keinen Lohn, dass sie lieber auf den Mutterschutz verzichten.
Es ist hart in Peru Mama zu sein, vor allem weil fehlende Sexualkunde in den Schulen (eine ewige Diskussion, die bisher aber noch zu Gunsten des Verbots fällt) dafür sorgt, dass viele junge Mädchen Mütter sind bevor sie auch nur annähernd bereit dazu sind.
In Peru kommt dazu noch ein weiteres Problem, Abtreibung ist unter Gefängnisstrafe verboten. Ich persönlich bin nicht pro Abtreibung und denke, dass die deutsche Reglung dahingehend strenger sein sollte aber jede Frau hat ein Recht auf eine professionelle und hygienisch unbedenkliche Abtreibung, bei der nur der Fötus stirbt und nicht sie selber. Nun kann man sich ja ganz leicht vorstellen, oder man lässt es lieber sein, wie illegale Abtreibungen ablaufen und dass sie diese Anforderungen in keinster Weise erfüllen.
Als Mama ist man in Peru einer unglaublich großen Verantwortung ausgesetzt. Es gibt kaum Kindergärten und wenn, dann sind sie nicht bezahlbar und da es hier normal ist bereits vor Eheschließung Kinder zu bekommen (Hochzeiten sind so groß und teuer, dass man sie sich erst spät oder nie leisten kann), hat die Frau keinerlei Anrecht auf Unterstützung durch den Vater, wenn dieser sie und die Kinder verlässt.
Immerhin wird als Gegenleitung der Muttertag groß gefeiert. Letzte Woche ist in jeder Schule an einem Tag der Unterricht ausgefallen, weil für die Mamas gebastelt wurde, die anschließend in die Schule kamen um gemeinsam mit der Lehrerin und den Kindern zu feiern.
Ich weiß, dass man als Eltern keine Rechnung aufstellen darf und viel weniger zurückbekommt, als man investiert, dass ist nun einmal so. Aber grade hier finde ich den Preis den die Mütter tragen müssen viel zu hoch.
- 4.00 Uhr aufstehen
- Frühstück (Kartoffeln, Reis, Ei) kochen
- putzen oder schon mal Wäsche waschen
- den Kindern und dem Mann das Frühstück servieren (in Peru serviert immer die Köchin, man tut sich nicht alleine Essen auf)
- nachdem die großen Kinder aus dem Haus sind mit dem Baby auf dem Rücken und den zwei Kleinen an der Hand auf den Straßen irgendwas verkaufen (ja die Kinder sitzen dann zusammen mit ihrer Mama den ganzen Tag im Staub und Dreck der Straßen, was bei peruanischen Verkehr einfach nur lebensgefährlich ist)
- nach Hause gehen um für den Mann Mittag essen zu kochen
- wieder arbeiten
- abends nach Hause kommen
- Kinder ins Bett bringen, putzen, Geschirr abwaschen etc…
- um 22.00 Uhr oder später selber schlafen

Der Tagesablauf ist krass und noch krasser ist, dass sie sich nie, nie, niemals beschweren! Peruaner sind hart im nehmen, grade die Mütter, müssen sie auch sein. Es gibt keine andere Möglichkeit und deswegen wird es auch nicht hinterfragt. Ich finde das schon sehr bewundernswert und auch traurig, diese Frauen arbeiten ihr ganzes Leben lang.
Meine Gastmutter und sie gehört schon quasi zur Oberschicht, hat seid sie 10 war gearbeitet jeden Tag, ihren ersten Mann an den Alkohol verloren und geholfen ihre kleinen Schwestern großzuziehen. Jetzt arbeitet sie immer noch jeden Tag von 3.00 Uhr morgens bis 21.30 Uhr abends und kann wahrscheinlich nicht mal ihren ältesten Sohn der in Bolivien studiert besuchen. Seit Wochen geht diese Diskussion, weil sie nämlich zu seinem Geburtstag da sein möchte. Aber obwohl sie einen schon manchmal an Superwoman erinnert, kann auch sie nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Wenn sie nicht da ist wer soll dann kochen, die Kinder in die Schule bringen und den Haushalt und den Laden machen?
Ganz ehrlich der Vater könnte, dass nicht (weil er es nie gelernt hat) und ich hab echt Angst was hier abgeht, wenn die Frau des Hauses 5 Tage weg ist…




PS:
Ich möchte an dieser Stelle einmal meiner Mama danken und hoffe, dass es jetzt nicht völlig hohl klingt, wenn man vorher den obenstehenden Text gelesen hat. Mama danke, dass du immer für uns da bist, dass du unsere Familie zusammenhältst und immer weißt wo ich meine Sachen hin verschlampt habe. Danke, dass du immer hinter mir stehst und mich immer aufbauen kannst. Ich habe unglaublich viel von dir gelernt und eine richtig tolle Kindheit gehabt. Du bist eine Supermama und ich bewundere dich immer für all die Sachen, die du an einem Tag schaffst.
Ich hoffe, dass wir weiter so eng verbunden bleiben, egal wie weit und wie lange wir zwischendurch auseinander sind. Danke für alles und alles was noch kommen wird und ich hoffe einmal eine so tolle Mama zu sein, wie du es bist. (und wenn nicht haben meine Kinder ja immer noch eine super Oma) ;-)

Sonntag, 1. Mai 2016

Große Verluste

Diese Woche hat mich wiedereinmal etwas sehr nachdenklich gemacht.
Alles fing mit unsere Patabambastunde an, das Zahnmonster war zu Besuch und die Kinder waren unglaublich aufmerksam und begeistert . Wir haben gemeinsam unsere  Zähne geputzt und anschließende das Zahnmonster gefüttert um herauszufinden was ihm schmeckt und was nicht. Sogar Antouru (unser Schüler mit einer geistigen Behinderung) hat dem Zahmonster einen Apfel gefüttert und war sichtlich begeistert. Also eine wirklich gelungene Stunde, die uns und den Kindern richtig Spaß gemacht hat.
Aber alle alles Gute ist ja bekanntlich nie zusammen und so gab es dann nach Stundenende wieder ein Ereignis, dass mich sehr traurig gemacht hat.
Christian ein wirklich sehr aufgeweckter Schüler, wollte einfach nicht gehen und suchte anscheinend irgendetwas. „Christian hast du was verloren?“ „Ja, Profe mein Radiergummi ist weg!“
Er war wirklich schon sehr aufgeregt und den Tränen nahe. Wir haben also dann gemeinsam gesucht, aber der Radiergummi war beim besten Willen nicht zu finden. Wäre es nur nach Johanna und mir gegangen hätten wir ihm sofort unseren Radiergummi geschenkt, aber das geht natürlich nicht, weil das die andern Kinder mitbekommen würden, und dann würden alle ihren Radiergummi „verlieren“ um einen Neuen von und zu bekommen.
Wir mussten also zusehen wie der kleine Christian wirklich traurig nach Hause gegangen ist und sehr aufgewühlt war.
Keine drei Minuten später kommt Aldair zur Tür rein, ich und Johanna wollten gerade abschließen.
„Profe ich hab mein JEGFWIUE verloren!“ Johanna und ich schauen uns an, zwei völlig verständnislose Augenpaare treffen sich. Wir haben keine Ahnung was er sucht (und das Wort auch danach sofort wieder vergessen…) „Meine Mama meinte ich muss das unbedingt wieder mit nach Hause bringen!“, die Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben und er war ähnlich wie Christian kurz vorm weinen. Auch nach mehrmaligem Nachfragen konnten wir einfach nicht herausfinden was genau er eigentlich sucht. Gelb muss es sein, dass zumindest konnten wir in Erfahrung bringen. Johanna hat sich also der Sache angenommen und mit Aldair zusammen das mysteriöse Objekt gesucht. Ich kann ja wirklich nur bewundern, dass sie es tatsächlich gefunden hat. Johanna meint sie hat einfach nach etwas gesucht was da, also in eine Schule bzw. Kindergarten nicht hingehört. Schließlich hat sie in einer Ecke unterm Tisch ein dickes Gummiband entdeckt beim dran ziehe kam eine gelbe Steinschleuder zum Vorschein…
Aldair war sehr glücklich und ist mit der wiedergefundenen Steinschleuder glücklich und erleichtert nach Hause gegangen.
Johanna und ich haben uns beim Rückweg noch eine Weile darüber unterhalten und Johanna hat mir  noch erzählt was ihr neulich im Unterricht passiert ist.
Oscar einer ihrer Problemschüler in der Grundschule war auf Klo gegangen und kam einfach nicht wieder. Also ist Johanna mal nachsehen gegangen, ob alles in Ordnung ist, war es aber nicht. Oscar suchte offensichtlich etwas. „Oscar was ist denn los, suchst du was?“ „Profe ich hab Geld verloren.“
Er war völlig fertig und sehr verzweifelt und schon sehr nah am weinen…
Johanna hat dann also die Stunde beendet und alle Schüler haben Oscar geholfen das Geld wiederzufinden. Vermisst wurden übrigens 10 Centimos also umgerechnet 3 Cent. Das Geldstück war einfach nicht zu finden und Oscar am Boden zerstört, also hat Johanna gemacht was wohl jeder gemacht hätte. Sie hat 10 Centimos heimlich aus ihrer Tasche genommen und „versteckt“. Kurz darauf hat eine von Oskars Mitschülerinnen die platzierten 10 Centimos gefunden und sie freudestrahlend Oscar wieder gegeben. „Oscar ich hab deine 10 Centimos gefunden!“
So sind dann alle glücklich und zufrieden nach Hause gegangen.

Ich habe als Kind so viele Radiergummis und Anspitzer verloren, dass es schon fast wie ein Fluch wirkte, und ja meine Eltern waren nicht begeistert und haben mich auch zurechtgewiesen, dass ich besser auf meine Sachen aufpassen muss, aber letztendlich war es keine große Sache ich habe einen neuen Radiergummi aus der Schreibtischschublade bekommen und gut. Für den Leser, mögen die geschilderten Verluste vielleicht nicht weltbewegend wirken aber sie sind es.
Zum einem weil manche unserer und grade die hier genannten Schüler wirklich arm sind und es sich einfach nicht leisten können unachtsam zu sein oder Dinge zu verlieren. Es gibt eben zu Hause keine Schreibtischschublade, weil es auch keinen Schreibtisch gibt und einige der Schüler tragen ihren Radiergummi wie eine Kette um den Hals, damit sie ihn nicht verlieren. Die Kinder leihen sich gegenseitig nichts, aus Angst es könnte von Mitschülern gestohlen oder kaputtgemacht werden…. Das muss man sich mal vor Augen führen, dass du es dir im wahrsten Sinne des Wortes nicht leisten kannst einen Radiergummi oder 10 Centimos zu verlieren.
Zum anderen weiß man oder vermutet es zumindest sehr stark, dass es zu Hause Gewalt gibt und in Form von Gewalt bestraft wird. Letztendlich will am seien Schüler davor schützen, natürlcih ist es wichtig das Oscar das wenige Geld was er hat mit der größten Sorgfalt aufbewahrt und lernt es nicht -niemals zu verlieren. Aber sie sind halt Kinder und Kinder spielen und toben und verlieren eben auch Dinge.
Meine Großeltern können sich das wahrscheinlich noch sehr gut vorstellen, aber für mich ist es unvorstellbar, dass ich Angst habe nach Hause zu kommen, weil ich einen Radiergummi verloren habe und weiß, dass ich jetzt entweder geschlagen werde oder für den Rest des Schuljahres ohne Radiergummi auskommen muss…
Ich bin natürlich sehr dankbar, dass es für mich nie so war und höchst wahrscheinlich für meine Kinder nie so sein wird.
Aber mir ist schmerzlich bewusst, dass es für viele meiner Schüler so ist

Montag, 25. April 2016

Von Schülern und Lehren



Schon wieder sind die ersten zwei Monate des Unterrichtens vorbei und die Noten müssen gemacht werden!!!
Keine Ahnung wie die Zeit so schnell vorbei gehen konnte, oder was ich meinen Schülern überhaupt in der kurzen Zeit beibringen konnte…
Wir können festhalten, es ist viel passiert, aber nicht soviel, dass ich schon genug Noten zusammen hätte. Aber das wird schon noch irgendwie… hoffe ich zu mindestens, wenn nicht denke ich mir eben wie meine Kollegen (und ich rede von den echten Lehrern) einfach eine Note aus. ;-)
In Peru ist das System sowieso ein wenig seltsam es gibt Noten von 0-20, wobei 20 super und 0 dementsprechend super schlecht ist. Wenn man unter 11 Punkten hat, fällt man durch und muss theoretisch das Jahr wiederholen. Praktisch gibt es dann während der Sommerferien für die Sitzenbleiberkandidaten Nachprüfungen und Nachprüfungen der Nachprüfungen, so dass dann am Ende wirklich nur die schlechtesten der Schlechten durchfallen. Was ich ja eigentlich ganz sympathisch finde, leider geht damit unter den Schülern auch ein bisschen die Einstellung umher, sie könnten niemals sitzenbleiben auch wenn sie immer nur 5 Punkte haben. Im Allgemeinen sind den Schülern ihre Noten eigentlich egal. Mir aber nicht und meine Schüler schon gar nicht.

Der eine zum Beispiel: hauptberuflich Klassenclown, einer von denen die eigentlich so intelligent wären und so tolle Noten hätten, wenn sie es nur wollten. Hatte ich auch viele in der Klasse und meine Lehrer meinten immer zu ihnen sie könnten es besser, wenn sie es nur wollten. Habe ich schon damals für ein Gerücht gehalten und tue ich jetzt immer noch. Mein Schüler will sich zusammenreißen zeigt sich immer einsichtig in Einzelgesprächen, wenn es mal wieder besonders schlimm war und arbeitet die ersten 30 Minuten gut mit. Aber leider muss er eben auch cool sein und in den letzten 25 Minuten buchstäblich über Tisch und Bänke geben. Da frage ich mich schon ob er es nur wollen muss um es besser zu machen. Wahrscheinlich hat er sich schon so daran gewöhnt immer im Mittelpunkt zu stehen und Faxen zu machen, dass er es ganz ehrlich nicht einfach abstellen kann, wenn er es nur will. Ich weiß aber auch nicht so richtig wie ich damit umgehen soll, bisher hat er leider viel zu oft eine Extrawurst von mir bekommen und dass obwohl ich strenge Vegetarierin bin. Ok Spaß bei Seite, aber ich habe es früher immer gehasst, wenn genau für diese Jungs immer eine Ausnahme und noch eine Ausnahme und dann noch eine Motivationsausnahme gemacht wurde. Also werde ich versuchen ihm nicht immer eine 500. Chance zu geben, vielleicht hilft dass ja. Denn er kann es eben nicht einfach nur durch wollen besser machen, er muss es lernen und ich muss es ihm irgendwie beibringen.
In der selben Klasse gibt es noch einen anderen Schüler, der mir Kopfzerbrechen bereitet. Er ist immer aufmerksam, weiß viel bis alles. Schweigt außer er möchte etwas zum Unterricht beitragen, dann meldet er sich und gibt eine kluge und richtige Wortmeldung. Er ist einer meiner Lieblingsschüler (weil die jeder Lehrer hat, egal was sie behaupten) und ich bin wahrscheinlich auch seine Lieblingslehrerin… soll heißen dass wir (ich und die Freiwillige mit der ich die Klasse gemeinsam unterrichte) der Meinung und inzwischen fast Gewissheit sind, dass er auf mich steht.
Wäre ja gar kein Problem, denn er fragt nicht wie seine Klassenkameraden ständig nach meiner Telefonnummer und meinem Facebook, ist es aber doch. Die Klasse hat zwei Stunden Englisch in der Woche, wobei ich leider nur eine davon unterrichten kann, die andere übernehmen zwei andere Freiwillige. Wenn ich nicht da bin arbeitet der Schüler einfach nicht, er schreibt nicht von der Tafel ab, er meldet sich nicht er wartet einfach bis die Stunde vorbei ist, das immerhin ohne zu stören.
Ich hab es ein bisschen vor mir hergeschoben mit ihm zu reden, weil das natürlich irgendwie ein sehr sensibles Thema ist und ihm dann gesagt, dass er bitte bei allen Lehrern so gut mitarbeiten soll wie bei mir. Hoffentlich hilft dass, meine Schüler sollen ja nicht mich lieben sondern Englisch!!!
Trotzdem bin ich sehr zufrieden damit wie es läuft. Und im Vergleich mit den Lehrern vor Ort stehe ich auch eher gut da. Ich nehme ja jetzt einmal in der Woche am Quechuaunterricht teil und das ist einfach nur unpädagogisch. Es ist noch nicht mal direkt pädagogisch falsch aber man hat einfach das Gefühl, dass der Lehrer noch nie einen Pädagogikkurs belegt hat.

Es ist also alles nicht so schlimm noch nicht einmal im direkten Vergleich.

Freitag, 8. April 2016

Das Zahnmonster zu Besuch in Weit-Weit-Weg

Als ich Ccapi vor mittlerweile fünf Monaten verlassen habe, habe ich den Menschen und mir selber versprochen wiederzukommen.
Diese Woche war es so weit ich bin, wenn auch nur für 3 Tage nach Ccapi zurückgekommen zusammen mit Johanna und einer Mitfreiwilligen und jeden Menge Zahnbürsten und Zahnpastas im Gepäck.
Nach viel zu vielen Monaten Vorbereitung ständigem pendeln zwischen Cusco und Oropeas in den letzten Wochen und viel zu vielen schlecht verbundenen und dadurch knarzenden Telefongesprächen nach Ccapi, war es am Dienstag endlich so weit.
Ich steige in den viel zu kleinen Bus um eine viel zu unbequeme Reise (auf jeder Schulter der Kopf einer anderen mir völlig fremden und tief schlafenden Peruanerin) in das Land Weit-Weit-Weg anzutreten.
Meine Emotionen lagen irgendwo zwischen Nervenzusammenbruch, Euphorie und Angst, weil ich als Hauptverantwortliche natürlich auch wollte, dass alles klappt- oder zumindest die Hälfte. Ein Glück hatte ich Johanna und Marie an meiner Seite, die nicht nur zuverlässig und motiviert sondern auch absolut kompetent sind.
Nach einer sehr kurzen Nacht (4.30 Stunden) in einer hygienisch fragwürdigen Unterkunft mit einem hygienisch sehr bedenklichem Klo, ging es am Mittwoch los.
Eins gleich vorweg ich kann es immer noch nicht fassen wie gut alles funktioniert hat. Zu sagen es wäre gelaufen wie ein Länderspiel, wäre untertrieben, es sei denn man bezieht sich auf das Spiel Deutschland gegen Brasilien in der letzten WM. Gut ich hatte auch in dem von mir herausgegebene Ablaufplan immer heimlich eine halbe Stunde Wartezeit überall dazugeschmuggelt, sodass wir völlig überpünktlich und gnadenlos zu früh gewesen wären, hätten wir ihn tatsächlich eingehalten...
So waren wir einfach nur pünktlich.
Das erste Dorf war Parrco eine kleine Gemeinde mitten im nirgendwo.
Als wir ankamen waren genau zwei Kinder da, nach einer halben Stunde Wartezeit 8. Acht sind mehr als keins, haben wir uns gedacht und angefangen. Also Zahnbürsten und Zahnpasta verteilt und gleich mal ausprobiert, beim gemeinsamen Zähneputzen. Unter Anleitung der zwei Zahnärzte, die uns begleiteten konnte man sehen wie diese Kinder zu Teil sicherlich das erste Mal in ihrem Leben eine Zahnbürste in der Hand hatten. Doppelt hält besser, deswegen haben wir mit allen Kindern zu erste gelernt mit Zahncreme zu putzen und dann im Anschluss die Zähne und das Gelernt noch einmal mit Flourgel gefestigt.
Dann stießen wir auf das erste Problem, die Kinder konnten anscheinende kein Spanisch sondern nur Quechua. Also haben wir kurzfristig den Lehrer angeheurt als Übersetzer einzuspringen. Als die Kinder aber einmal das Zahnmonster (eine selbstgebastelte Sockenpuppe von Johanna zu Leben erweckt) kennengelernt hatten, konnten sie auch auf einmal Spanisch. Feuer und Flamme waren sie und hin und her gerissen zwischen Angst und Belustigung gegenüber des Monsters und jeder wollte es mal füttern. Ob dem Monster wohl Sublime (peruansiche Schokolade) schmeckt? Oder mag es vielleicht Wasser?
Grade als wir unser Programm beendet hatten, kam der Lehrer zu uns und meint: "Es sind noch mehr Kinder gekommen." Draußen standen wieder acht Kinder, also alles nocheinmal und grade als wir gemeinsam das Zahnmonster weggeputzt hatten, kam der Lehrer und meinte wieder: "Es sind wieder Kinder gekommen..." Also ein drittes Mal inzwischen schon als eingespieltes Team.
Nach diesem schönen Beginn ging es nach Perco mit siebzig Kindern die größte Herausforderung. Dank der motivierten Lehrer war es aber auch hier einfach nur schön und teilweise auch lustig die Kinder zu beobachten und anzuleiten. Gemeinsam haben wir gelernt wie man eine Zahnbürste anfässt und benutzt. Wie oft man sich die Zähne putzen muss und wie man das Zahnmonster besiegt.
Die letzte Station auf unsere Reise für diesen Tag war Chocho.
Chocho wird mir zwangsweise noch lang bildhaft in Erinnerung bleiben, denn ich trage die Beweise wahrscheinlich noch wochenlang mit mir herum. In Chocho sind die Kinder zu Straße gekommen und wir haben draußen und freien unser Programm gemacht. Neben begeisterten Kindern gab es auch begeisterte Mücken. Hmmm Gringa-Blut, das schmeckt besonders gut... Jedenfalls sind meine Arme mein Hals und mein Gesicht völlig zerstochen un teilweise auch eklig angeschwollen.
Am zweiten Tag waren wir morgens in den beiden Vorschulen Ccapis, auch hier waren die Kinde unglaublich aufmerksam und man konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, als der eine Junge auf unseren Aufruf sich die Zähne zu putzen um das Zahnmoster zu besiegen rief: "Es soll einfach nur sterben!"
Man soll aufhören wenn es am schönsten ist oder das beste kommt zum Schluss, selten sind diese Sprichwörter so wahr wie in Oyullo unsere letzten Station.
Wie kommt man nach Oyullo? 
Ganz einfach man fährt da hin wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen und wo sonst quasi nie einer hinkommt und wenn man dort angekommen ist fährt man noch gute drei Stunden weiter ins Nichts. Da liegt Oyullo mit einer der besten Dorfschulen, die ich gesehen habe und einem wahnsinnig netten und motivierten Lehrer.
Ich hoffe ich werde die großen Augen der Kinder nie vergessen, als sie zum ersten Mal Gringas sahen. Oder ihre Schaum verschmierten Gesichter beim Zähneputzen. Und ihr Lachen als das Zahnmonster sich angeekelt vom Reis wegdreht und stattdessen lieber über die Inka-Cola herfällt...

Ich möchte an dieser Stelle allen Spendern aus Deutschland ganz herzlich Danken! 
Und weil Bilder mehr sagen als tausend Worte und der Eintrag eh schon viel zu lang ist, gibt es auf der Foto-Seite extra viele Bilder. Ich hoffe die Dankbarkeit der Einwohner lässt sich so ein bisschen vermitteln. Im nahmen der Kinder bedanke ich mich und hoffe sie haben wenigstens halb so viel Freude wie ich, wenn sie sehen wozu Sie beigetragen haben.

Dienstag, 22. März 2016

Patabamba

Vor dem Jahr hier habe ich immer wieder Leute sagen hören: „Das ist so schade, wenn alles immer verwestlicht….“ und schon damals fand ich das eine sehr fragwürdige Meinung.
Heute nach meiner ersten Stunde in Patabamba, weiß ich dass ich ganz klar widersprechen muss.
Aber langsam und der Reihe nach also chronologisch. Unser Projekt entsendet seit seinem Beginn vor drei Jahren immer zwei Freiwillige, zweimal in der Woche nach Patabamba. Ein kleines Dorf ungefähr eineinhalb Stunden zu Fuß entfernt von der Bushaltestelle, bei der man aussteigen muss um zu seinem Arbeitsort zu gelangen.
Johanna und ich sind dieses Jahr die Glücklichen (und das durchaus unironisch, weil wir es beide wirklich gerne machen wollten), die ab jetzt jeden Dienstag und Donnerstag nach Patabamba wandern werden dort für 45 Minuten 20 Kinder zwischen 3-7 Jahren gleichzeitig unterrichten.
In Patabamba gibt es nämlich nur eine Grundschule und in der werden alle Kinder des Dorfes gemeinsam unterrichtet und dass auch nur, wenn der einzige Lehrer Lust hat zu kommen. Patabamba liegt zwar gar nicht weit weg von Cusco, aber es ist eine andere Welt.
Vom Westen und „Verwestlichung“ merkt man hier nichts. Alle Bewohner leben von Feldbewirtschaftung und Viehzucht und das fast vollständig autark. Das erklärt auch warum 3- jährige Kinder und eindeutig geistig-behindertes Kinder gemeinsam mit allen andern unterrichtet werden. Einen Kindergarten gibt es nicht und so ist die Schule die einzige Betreuungsmöglichkeit für die Kinder, die Alternative wäre mit ihren Eltern auf dem Feld zu arbeiten.
Wir waren also schon sehr gespannt was uns da nun erwarten würde und nachdem wir letzten Donnerstag schon einmal Umsonst die Wanderung angetreten hatten, da die Schule an dem Tag geschlossen war (der Lehrer war nicht aufgetaucht), war heute Versuch Nummer zwei angesagt.
Die folgenden Ereignisse werde ich so chronologisch wie möglich wiedergeben:

9:27 Ich beginne die Wanderung nach Patabamba leider ohne Johanna, weil sie krankheitsbedingt nicht mitkommen konnte.

10:18 Ich komme am Pausenfluss an und stelle fest, dass ich echt schnell unterwegs bin und nur noch das letzte ¼ fehlt

11:15 Ich klopfe an das blaue Schultor, das erfreulicher weise von innen und nicht von außen abgeschlossen ist ergo. Jemand ist drinnen.

11:30 Ich klopfe immer noch ans Schultor, irgendwann entschließt sich auch jemand mir aufzumachen.

11:35 Ich versuche dem sehr ungehaltenen Lehrer sehr freundlich zu erklären, das ich die neue Freiwillige bin, die ab jetzt unterrichten wird.

11:36 Ich betrete meinen Klassenraum. Immer zwei bis drei Kinder sitzen eng getrennt an einem Tisch, manche stehen. (Die restlichen Tische und Stühle stehen in einer Ecke des Raumes und dürfen angeblich nicht benutzt werden. Alle Kinder laufen durch den Raum niemand setzt sich und ich versuche mir einen Überblick zu verschaffen. Im Allgemeinen sind die Kinder leider das was man als verwahrlost bezeichnet. Sie tragen unglaublich dreckige Sachen, haben keine Stifte und ihr Gesichter sind teilweise i wahrsten Sinne des Wortes dreckverschmiert. Die älteren Kinder haben ihre Geschwister mit, kleine 2-3-jährige Kinder, die durch den Raum laufen und in der Ecke sitzt ein Junge und malt auf den Boden. Ich versuche ihn anzusprechen und zum hinsetzen zu bewegen, er ist vielleicht 6 Jahre alt und eindeutig geistig-behindert.

11:45 Die Kinder laufen immer noch durch den Raum und verlassen ihn auch immer wieder mal mit der Ausrede sie müssten auf Klo, mal ganz ohne Ausrede.
11:50 Ich fange an das Good morning-Lied zu singen und die Kinder stimmen begeistert ein und begeben sich tatsächlich zu ihren Plätzen.

11:55 Der Störenfried fängt an mich nachzuäffen und wie wild durch den Raum zu tanzen. Ich stelle ihm ein Stuhl und einen Tisch vorne hin, damit er alleine arbeiten kann, aber er weigert sich einfach diesen zu benutzen. Schließlich passiert genau das was sich jeder Lehrer in seinen Albträumen ausmalt, der Schüler weigert sich einfach wirklich, er weigert sich auch raus zu gehen und ich kann einfach nichts nichts machen. Also muss ich zusehen wie meine Autorität als einzige den Raum verlässt. Während der „Störenfried“ einfach sitzenbleibt.

12.00 Wir haben eine Arbeitsblatt vorbereitet, bei dem die Kinder in Kästchen immer geometrische Figuren zeichnen müssen.( alles auf Spanisch logischer Weise) Damit wollten wir herausfinden welche motorischen Fähigkeiten und Zuordnungsfähigkeiten die Kinder haben. Die erste Aufgabe ist ein Dreieck…
„Was ist ein Dreieck?“, „Ich kann kein Dreieck!“
Ein Kind hat schon angefangen in jedes der Kästchen ein Dreieck zu malen. Schließlich darf ein Kind nach vorne kommen und sein Dreieck an die Tafel malen. Gespannte Stille tritt ein und für die nächsten 15 Minuten malen die Kinder immer eine geometrische Figur und kommen dann an die Tafel. Anschließend zeige ich ihnen wie man aus Dreiecken einen Weihnachtbaum und Sterne zeichnen kann.

12.15 Der „Störenfried“ möchte auch an die Tafel kommen, traut sich aber nicht wirklich und wird immer unruhiger. Also machen wir das zusammen, ganz brav an meiner Hand kommt er nach vorne und ich Helfe ihm das Haus zu zeichnen.

12.20 Immer wieder fragen Kinder ob sie auf Klo gehen können, was ich verbiete, weil sonst der ganzen Klasse einfällt, dass sie aufs Klo müssen. Die meisten Kinder lasse ich am Ende doch gehen, weil sie immer wieder fragen und vielleicht ja wirklich müssen. Plötzlich ruft jemand: „…. pullert sich gerade ein!“, eine der kleineren Schülerinnen hat mein „Nein“ wohl sehr ernst genommen und mich auch nicht nochmal gefragt ob sie gehen kann… Als sie nun aus dem Klassenraum läuft tropft es schon.

12.25 Der 3-jährige Bruder und der behinderte Junge spielen in der Ecke des Raumes mit einem Plakat. Plötzlich fängt der Kleinen an zu weinen. Angeblich hat der andere ihn getreten. Der Bruder versucht den Kleinen zu trösten und ich schnappe mir den andern und setzte ihn nach vorne an den Lehrertisch mit einem Zettel und Stift, damit er etwas malen kann. Die Kinder verstehen natürlich nicht, dass dieser Junge sie nicht versteht und das auch gar nicht kann und deshalb fängt jetzt die ganze Klasse an ihn zu beschimpfen. Ein Mädchen tritt ihn sogar im Vorbeigehen, so schnell kann ich gar nicht schauen.
Daraufhin gibt es eine Standpauke: „Keine Gewalt und wer Gewalt mit Gewalt bekämpft macht etwas sehr schlechtes!“ Betretenes Schweigen nur der kleine Junge weint noch immer.Ich drücke ihn ein bisschen und rede beruhigend auf ihn ein, schließlich meint sein großer Bruder: „Wir gehen jetzt nach Hause zu Mama ok?“ Der kleine Junge geht schon mal vor und verlässt den Klassenraum. Eine halbe Minute später geht sein großer Bruder (7) ihm nach und kommt wieder rein: „Mein Bruder ist weg!“
In diesem Augenblick habe ich mich innerlich geohrfeigt und jedes aber wirklich jedes Horrorszenario ist vor meinem inneren Augen abgelaufen… Dann siegt die Vernunft. Das Schultor und somit das Schulgelände sind abgeschlossen, der Kleine kann also nicht weit sein. War er dann auch nicht eine Minute später kommt er hinter einer Ecke vor und weint auch nicht mehr.

12.28 Wenn nichts mehr geht musst du alles über den Haufen werfen und was anderes machen. Also hole ich einen Stuhl nach vorne und frage ob mir den jemand mal zeigen kann, wie man sich ordentlich hinsetzt. Einer nach dem anderen kommt nach vorne und zeigt es mir. Wenn es zu laut wird machen wir eine Pause, dann geht es weiter. Wenn die Kinder sich auf ihren Platzt setzten sage ich, sie sollen es genauso toll machen wie sie es eben gezeigt haben. Und dann passiert es alle sitzen leise und brav auf ihren Stühlen.
Anschließend üben wir aufstehen und hinsetzen und in den Klassenraum reinkommen ohne zu schrien oder zu tanzen.

12.30 Gerade als ich den Unterricht beenden will fangen zwei Schüler an sich zu prügeln. Jeder Versuch sie auseinander zu bekommen scheitert. Es ist unglaublich was kleine Kinder für Kraft haben. Zum Glück hören sie schnell von alleine auf und ich kann den Unterricht beenden. Die Kinder stehen ordentlich und still auf und sagen „Good-Bye!“
Sie haben diese Stunde also doch etwas gelernt…
Beim rausgehen rede ich noch mit dem Störenfried
„Ich weiß, dass du intelligent bist aber dein verhalten stört die ganze Klasse. Versprichst du mir das zu ändern?“
„Nein!“
„Willst du es den ändern?“
„Ja“, er schaut sehr betreten zu Boden
„Ist sehr schwierig stimmt's!“
„Ja“
„Ok, dann üben wir das zusammen versprochen!“
Wir schütteln uns die Hände und gehen nach Hause

12.40 Ein Motorrad hält neben mir. Es ist ist der Lehre (55+). „Steig auf!“ ich steige auf und versuche nicht daran zu denken was eventuell vielleicht alles passieren kann. Er fährt aber ziemlich vorsichtig und wir unterhalten uns nett bis:
„Haben sie einen Ehemann?“
„Nein ich bin erst 18.“
„Einen Freund.“
„Ja“
„Sind deutsche Frauen treu?“
„Ähmmm es gibt sone und solche, aber ich schon ja….. SEHR!“
Er fährt mich bis zu Bushaltestelle.
„Danke hier muss ich absteigen.“
„Schon? Aber das nächste Mal fahren wir bis Cusco!“
„Ja klar!“ (Es wird kein nächstes Mal geben!)

Als ich zu Hause bin atme ich erst mal tief durch. Ich fühle alles auf einmal Freude, Frustration, Wut und Glück. Ich freue mich, weil es neben all dem hin und her echt Phasen gab in denen die Kinder sehr aufmerksam waren und ich am Ende vielleicht nicht alles falsch gemacht habe.
Ich bin Frustriert, weil der Lehrer selber so unfähig und uninteressiert an seinen Schülern ist.
Ich bin Wütend, weil ich in Oropeas wohne einem Dorf in dem die neureiche Bevölkerung sich Hometrainer kauft und niemals niemals benutzen und das zur selben Gemeinde gehört wie Patabamba.

Ich bin glücklich, weil ich in meinem Kopf eine ganze Liste von Sachen habe, die ich beim nächsten Mal besser machen werde. Und weil ich weiß, dass diese Kinder viel lernen können, wenn ich und Johanna unser Bestes geben. Englisch werden wir wohl kaum weiterverfolgen, aber wenn die Kinder am Ende des Jahres alle wissen was ein Dreieck und was ein Quadrat ist, dann bin ich ehrlich stolz auf dieses Kinder.

Dienstag, 8. März 2016

Wenn nächsten Sonntag Wahlen wären…

würden 30% der Peruaner Keiko Fujimori wählen.
Wenn einige Leser jetzt das Gefühl haben den Namen schon mal irgendwo gehört zu haben- habt ihr. Keiko ist die Tochter von Alberto Fujimori. Wie der Vater so die Tochter, die mit echt unvorstellbar großen Wahlkampanien versucht in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten, der war nämlich schon einmal Präsident und zwar von 1990-2000.
In seiner Amtszeit wurde die heutige Verfassung Perus äh- verfasst und in Kraft gesetzt, was ja eigentlich ganz nett klingt. War es aber nicht, denn Fujimori  (der Vater) hatte nichts besseres zu tun als den peruanischen Kongress einfach mal so aufzulösen und eine „Regierung des Notstandes und der nationalen Umstrukturierung“ zu etablieren.
Kommt uns doch bekannt vor oder? Man nennt so etwas im allgemeinen Sprachgebrauch auch- Diktatur!
Fujimori hat also seine eigene Verfassung außer Kraft gesetzt und mit Hilfe des Militärs 10 Jahre lang das Land regiert. Laut Verfassung darf ein Präsident zwar wieder gewählt werden, allerdings nur nach einer 5-jährigen Pause, was in Peru einer Legislaturperiode entspricht.
Fujimori hat dann letztendlich eine Zwangspause gemacht er musste nämlich fliehen, weil er wegen Menschenrechtsverletzung und Korruption angeklagt wurde. Letztendlich haben sie ihn dann doch gefasst und für mehrere Jahre inhaftiert.
Keikos Vater sitzt also im Gefängnis, weil er eine Diktatur errichtet hat wo eigentlich eine Demokratie hätte sein müssen und nun ist Keiko Spitzenkandidatin.
Es ist natürlich nicht fair die Tochter für die Verbrechen des Vaters verantwortlich zu machen und ich würde ihr ja auch eine Chance geben. Aber sie ist nun Mal auch Favoritin der rechten Strömung Perus und Teil ihres Wahlprogramms ist die Begnadigung (aka. Freilasuung) ihres Vaters. Weshalb sie in meinen Augen auf keinen Fall die Wahl gewinnen sollte, denn die Vermutung liegt nahe, dass der Apfel nicht so weit vom Stamm fällt.
Ein bisschen Hoffnung gibt es allerdings, denn um Präsident zu werden braucht man die absolute Mehrheit. Die wird Keiko aber nicht erreichen, weil 1/3 dann halt doch nicht das ganze Land ist, also wird es in die Stichwahl gehen. Die beiden Kandidaten mit den prozentual meisten Stimmen, treten in einer zweiten Wahl gegeneinander an und der Siege… gewinnt.
Das Keiko überhaupt so gute Chancen hat  liegt meiner Meinung nach nicht an einer besonders starken rechten Tendenz des Landes, sondern viel mehr a der fehlenden politischen Bildung. In den Schulen gibt es kein Unterrichtsfach, dass politisches Wissen vermittelt und das politische Interesse der Bevökerung geht gegen null.
Man kann es den Peruanern ja auch nicht verübeln, wenn sie einem erklären: „Die sind doch eh alle Korrupt, egal wen man wählt!“, den ganz ehrlich höchst wahrscheinlich haben sie recht.
Peruaner würden also am liebsten überhaupt nicht wählen gehen, weil die Wahl zwischen Pest und Kolera eben nicht besonders motivierend ist. Dieses Problem ist der Regierung immerhin auch aufgefallen, weswegen es eien Wahlpflicht gibt. Wer nicht wählt zahlt! Über die Höhe des Busgeld ist sich die Bevölkerung nicht ganz einig, irgendwas zwischen 50-200 Sol. (Umgerechnet 14-55 Euro)
Für so eien arme Bauernfamilie auf dem Land ist das allerding wirklich viel geld und deshalb gehens sie wählen. Ohne die geringste Ahnunhg was sie da wählen. Wahlprogramme gibt es nur von wenigen Parteien und sie sind auch nicht einfach zugänglich. Deshalb gibt es eine andere fast schon Propagandamethode um Wählerstimmen zu gewinnen.
Wen man nicht mit Inhalten punkten kann,dann eben mit Geschenken! Geld entscheidet die Wahlen. Der Kandidat mit dem meisten Geld kann die meisten Geschenke an die Landbevölkerung machen. Ein Nachmittag in den Dörfern, jedem Kind eine Tafel Schokolade und einen Bleistift geschenkt und zack sieht die Wahlprognose besser aus…
So funktioniert real Politik in den ländlichen Regionen nuneinmal.
Am Wahltag gehen dann alle Wahlberechtigten (ab 18 Jahren) in ihre Municipalidad oder díe Gesamtschule und wählen.

Es werden immer gleichzeitig der Präsident, das Kabinett und das regionale Parlament gewählt und zwar mit Hilfe von Bildern und Ziffern.
Ein Wahlzettel hat drei Spalten. In der ersten Spalte sind untereinander die Gesichter aller Präsidentschaftskandidaten abgebildet und daneben das Logo ihrer Partei. Mindestens eins von beiden muss man ankreuzen, also entweder die Partei oder das Porträt des Kandidaten (ein Name steht nicht dabei), dass kommt auf das Selbe hinaus.
In der zweiten Spalte, für die Kabinettswahlen sind ebenfalls untereinander alle Logos der Parteien abgebildet und neben jedem Bildchen sind zwei leere Kästchen. Jetzt muss man zuerst die Partei ankreuzen, die man wählen will und dann muss man in jedes der beiden leeren Kästchen eine Ziffer schreiben. Jede Ziffer steht hierbei für einen Kandidaten dem man einen Sitz im Kabinett zusprechen will. Deshalb sind auf den Wahlplakaten neben den Gesichtern der Politiker auch immer noch die jeweilige Ziffer zu sehen, die muss man sich dann bis zum Wahltag merken.
Ich hoffe das war ein wenig verständlich, wenn ihr jetzt total den Überblick verloren habt, dann geht es euch wie einem Großteil der Peruaner.
Also einfach irgendwas ankreuzen, wird schon schief gehen!